Mut über den eigenen Schatten zu springen – Die Objektivität als Entscheidungsgrundlage

Im Alltag befinden wir uns immer wieder in Situationen, bei denen ein Entscheid gefällt werden muss und es sich lohnen würde, der eine oder andere davon aus einem anderen Blickwinkel durch einen Objektivitäten-Wechsel zu betrachten, zu analysieren und erst dann eine Entscheidung zu treffen. Aber welches ist die richtige und auf welchen Kriterien beruht sie? Nun dies hängt von unserer inneren Wertvorstellung, Moral, Ethik und dem Fundus an gesammelten Lebenserfahrungen ab.

Die Würfel der Objektivität

Vielfach sind wir gerade vor einer wichtigen Entscheidung stehend, viel zu nahe am Geschehenen. Wir sehen den Wald vor lauten Bäumen nicht mehr. In Anbetracht eines verlockenden Angebotes entscheiden wir zwar im ersten Moment gefühlsmässig richtig, aber im nachhinein betrachtet, haben wir vielleicht sogar gegen unsere eigenen Wertvorstellungen, Moral oder sogar gegen unsere Ethik entschieden. Vielleicht basierte der Entscheid aus einer Verdrängungstaktik heraus um einer möglichen Konfrontation mit einer unserer inneren Ängsten auszuweichen oder um ein Bedürfnis zu befriedigen, ohne dass wir dieses genauer kennen. Nun arrangierst Du Dich, mit dem aus der anderen Warte betrachteten Fehlentscheid und gibst Dich der Situation hin; gerätst vielleicht in einen Strudel welcher in einer tiefen Depression enden könnte oder dein Wertesystem ruft eine Rebellion aus, da die Situation oder der Entscheid welcher dich hineingeführt hat sich mit deinen eigenen inneren Werten und Ethik nicht vereinbar sind. Dies kann zuweilen bis zur eigenen Selbstzerstörung führen. Der Wehr holt ohne Rücksicht auf Verluste zum Kahlschlag aus und verteidigt die Ungerechtigkeit anhand der Moralvorstellungen und Ethik des eigenen Wertesystems.

Zur Verdeutlichung können wir uns folgendes Szenario vorstellen:

Du bist auf der Suche nach einer neuen Herausforderung in der Arbeitswelt und bist es gewohnt über den Tellerrand hinaus zu denken, liebst die im beruflichen Rahmen gesetzten Freiheiten. Bei festgefahrenen Prozessen lieferst Du Ideen und Konzepte um diese wieder in Gang zu bringen und hälst nichts von alten Zöpfen.

Anhand eines Inserates bewirbst Du Dich auf eine Stellenausschreibung, welches Deine Neugierde und Interesse geweckt haben. Detaillierte Information der Firma sind schwierig zu beschaffen. Eine Zweckmässige eingerichtete Webseite ist im Web aufrufbar, liefert aber keine detaillierten Angaben über Firmengrösse, Vertriebswege etc. Im Download-bereich der Webseite findet sich eine Imagebroschüre. Die deutschsprachige Version lässt sich herunterladen aber nicht öffnen, da diese defekt ist. Eine  englische Version lässt sich herunterladen und öffnen. Der Kanal der Sozialen Medien wird nicht genutzt. Vereinzelt lassen sich Mitarbeiter ausfindig machen, welche sich bedeckt und anonymisiert ausgeben. Du entschliesst Dich, die Bewerbungsunterlagen dennoch einzureichen, da Dich das Aufgabengebiet reizt und genau auf Dich zugeschnitten wäre. Die Firma wurde in den 1920er Jahren als traditionelles Familienunternehmen gegründet und zählt heute rund 270 Mitarbeiter. Du gest davon aus, dass bei der Anzahl Mitarbeiter sich ebenfalls eine gesunde Führungsstruktur entwickelt hat. Nach einer Woche wirst Du zu einem ersten Vorstellungsgespräch eingeladen, wobei sich anstelle der Human Ressource Abteilung, jemand vom Empfang bei Dir meldet und einen Vorstellungstermin vereinbart.

Du begibst Dich nun auf den Weg und hast Dich mit bestem Wissen und Gewissen auf das bevorstehende Interview anhand der verfügbaren Informationen vorbereitet. Vorort findest Du folgende Gegebenheiten, welche einen ersten Eindruck hinterlassen:

  • Verwaltungsgebäude und Produktionshallen erwecken von aussen einen altmodischen Eindruck und sind auf ein absolutes Minimum an Pflege reduziert.
  • Der Empfang im Verwaltungsgebäude gleicht einem kleinen Bunker
  • Korridore erweisen sich als eng, verwinkelt und dunkel
  • Die Wände im Meetingraum haben auch schon bessere Zeiten gesehen (vergilbt und rissig)
  • Der Teppich weist unübersehbare Flecken auf.
  • Der Gesprächspartner ist unpünktlich und lässt vom vereinbarten Zeitpunkt fünf Minuten verstreichen
  • Rechtfertigungen eröffnen das Gespräch (Habe Sie nicht gesehen, habe angenommen Sie wären draussen am rauchen etc.)

Das Gespräch nimmt nun seinen patriarchalisch vorgespurten Verlauf und mit eigens gezielten gestellten Zwischenfragen, platzt eine Blase nach der anderen. Erste zweifelnde Gedanken breiten sich aus. Das Interview stellt sich nicht als gegenseitiges Beschnuppern und Kennenlernen aus, sondern erweist sich an ein Verhör anlehnenden Dialog. Die Art und Weise des Verlaufes erwecken das Gefühl, dass die eingereichten Bewerbungsunterlagen vorab nur sehr oberflächlich Geprüft wurden. Vielleicht von der Empfangsdame? Belehrend und zurechtweisend nimmt das Gespräch seinen Lauf. Vorhandene Fakten und Informationen werden im Gespräch laufend korrigiert. Beispielsweise zählt die Firma heute 80 Mitarbeitende und die internationale Ausrichtung spiegelt sich im lokalen Markt wieder. Der Verlauf drängt sich immer mehr in Richtung „sich in die Ecke gedrängt fühlen“.  In dieser Situation bietet sich nun eine Möglichkeiten an, mit einem gezielten Objektivitäten-Wechsel, den Blickwinkel in einem parallel verlaufenden Timeout neu zu betrachten und aus dem patriarchalischem Gesprächsrahmen auszubrechen. Was läuft hier gerade ab?

  • Patriarchalisch geführtes Familienunternehmen in der dritten Generation
  • Vernachlässigte und ungepflegte Gebäude
  • Eine Bastion von einem Verwaltungsgebäude
  • Was will hier geschützt oder verteidigt werden?
  • Verstösse gegen Grundsätze der Gesprächsführung
  • Keine weiteren Begleitpersonen im Interview Gespräch
  • Der Patron nimmt den ganzen Raum ein (Macht)
  • Gesprächsverlauf im Verhörstil, verläuft nicht auf Augenhöhe
  • Welches ist mein Beitrag in dieser Unternehmung?
  • Welche Entfaltungsmöglichkeiten bieten sich hier an
  • Wie kann ich diese unter den vorherrschenden Umständen gewinnbringend einsetzen
  • Die eigenen inneren Werte (innerer Stolz, Ehre, Ethik und Moral) werden mit Füssen getreten
  • Wie fühle ich mich dabei?Ist das mit meinen eigenen Werten vereinbar?

Die Gedanken drehen sich nun im Kreise und die Situation erfordert einen Entscheid, welchen Weg an der Gabelung  eingeschlagen werden soll. Die beiden Wegweiser haben anhand des Objektivitäten-Wechsels folgende Richtungen: Weg der Fremdbestimmung und Weg der Selbstbestimmung.

Wegweiser der Bestimmung

Beleuchten wir doch kurz die beiden zukunftsweisenden Wege und deren Folgen anhand des inneren Wertesystems und ihrer zu Grunde liegenden Ethik an unserem Szenario.

Eine totale Unterwerfung bei der Wahl des Fremdbestimmten Weges hättet eine Verleugnung und den Verrat der eigenen inneren Werte zur Folge und steht in Widerspruch mit der eigenen Haltung und Ethik. Das einschlagen und wandern auf dem fremdbestimmten Weg der Unterwerfung kann über kurz oder lang zu einem Entzug von Grund und Bodens des eigenen Selbstwertes führen und in einer tiefen Depression oder in einer ausgerufenen Rebellion Enden. Der innere Wehr triebe ohne Rücksicht auf Verluste direkt in die Selbstzerstörung.

Die Wahl des Selbstbestimmten Weges führt zu einem direkten Gesprächsabbruch aus der vorherrschenden Situation und wahrt die Souveränität der eigenen inneren Werte. Der aufkommende innere Stolz trägt zur eigenen Anerkennung bei, setzt Akzente der Selbstachtung und nährt den Selbstwert. Hier lässt die eigene Ethik eine Unterwerfung nicht zu. Ein Entscheid den Weg der Selbstbestimmung zu gehen erfordert  Mut über den eigenen Schatten springen zu können und unseren inneren Ängsten von Angesicht zu Angesicht direkt in die Augen zu schauen.

Zurückversetzt in den patriarchalischen Gesprächsrahmen des Interviews ergibt sich nun eine passende Möglichkeit den Patriarchen zu unterbrechen und ihm verstehen zu geben, dass jegliche Weiterführung des Gespräches aus dem jetzigen Standpunkt keinen Sinn mehr ergeben würde und es begrüsst werden würde dieses abzubrechen. Anhand der neuen Informationslage, welche vom Stelleninserat und der Imagebroschüre abweichen und den aktualisierten Aufgabengebiet, würde keiner miteinander glücklich werden. Mit fragendem Blick in den Augen und verstreichenden Sekunden, fängt die angespannte Ruhe im Raum förmlich an zu knistern. Nachdenklich nickt der Patriarch mit dem Kopf und wiederholt die im Gesprächsrahmen stehende Aussage. Die Machtverhältnisse wurden in diesem Moment neu verteilt.

Da das Gespräch nicht mehr fortgesetzt wird, kannst Du Dich nun verabschieden. Nach nur 20 Minuten hast Du die Firma bereits wieder verlassen und stehst vor der Tür, steigst in Deinen Wagen ein und lässt die Begegnung nochmals Revue passieren.

Ausser Spesen nichts gewesen?